Training & PRÜFUNG: Wenn dazwischen Welten liegen

Training & PRÜFUNG: Wenn dazwischen Welten liegen

Martinas Roxy läuft im Training, wie es schöner wirklich nicht sein könnte:

ein Textbuch-Beispiel für perfekte Fußarbeit in normaler Gangart, Laufschritt und langsamem Schritt. In der Grundstellung befindet sich seine Schulter in der Falllinie ihrer Hüfte, wie es die Prüfungsordnung verlangt. Er bedrängt nicht, und er hinkt nicht hinterher. Die Schnauze des Rüden zeigt in perfekter "Sternengucker"-Haltung gen Himmel. Er folgt jedem Signal, noch bevor Martina es zu Ende gesprochen hat, und manchmal scheint es, als würde das Tier ihre Gedanken lesen. Im Apport fliegt er über Schrägwand oder Hürde, um dann dicht und gerade vor seiner Hundeführerin zum Sitzen zu kommen. Niemals käme er auf die Idee, das Bringholz falsch aufzunehmen, daran zu knautschen oder gar um die Hürde herumzulaufen. Im Vorauslaufen ist er fast ebenso schnell wie im Hereinrufen - selbstsicher bewegt er sich geradlinig von Martina weg, bis er sich auf deren Kommando hin in ein herrliches Platz wirft.

Roxy ist ausdrucksstark, freudig und präzise. Wer ihn im Training sieht, würde sagen: er sei aus dem Stoff, aus dem Weltmeister sind.

Bereits beim Ablegen der BH erlebte Martina ein bitteres Erwachen: Roxys Position war schlampig; er lief zwar annähernd auf richtiger Höhe, aber hielt fast einen halben Meter Abstand zu ihrem Körper. Beim Wechsel in den Laufschritt reagierte er langsam; blieb Martina stehen, brauchte er eine Sekunde, um sich zögerlich zu setzen. Die Rute hing weiter unten als im Training, die Ohren spielten ständig vor und zurück. Statt sich ablegen zu lassen, setzte er sich.

Eine BH ist kein Meisterwerk, und Martina und Roxy nahmen ihren ersten Titel mit nach Hause. Zufrieden war Martina zwar nicht - aber vielleicht würde es beim nächsten Mal besser laufen. Schließlich war dies Roxys erster öffentlicher Auftritt gewesen, und die Prüfung hatte auf einem vereinsfremden Platz stattgefunden.

Es wurde jedoch nicht besser. Martinas Training ist makellos - sie und ihr Rüde bilden ein perfektes Team, wenn sie miteinander üben. Doch ganz gleich, wie viel sie trainiert und zu welcher Prüfung sie auch antritt: Kaum sehen Leistungsrichter, Stewards oder ein Publikum zu, ist der dunkle Schäfer an Martinas Seite wie ausgewechselt. Warum?

 

Wenn die Erfolge auf dem Turnierplatz nicht an die Trainingsleistung heranreichen, hilft es meist wenig, immer weiter, länger und mehr genau so zu trainieren, wie man es bisher erfolglos getan hat. Stattdessen gilt es, den Grund für das Versagen zu identifizieren und dann eine neue Trainingsstrategie zu finden, welche sich auf die Schwächen des Teams konzentriert. Schuld ist in der Regel einer von vier Faktoren (oder eine Kombination davon):

Erklärung 1: Generalisierungsdefizite

Unter Verhaltensgeneralisierung verstehen wir die Fähigkeit eines Hundes, ein bestimmtes Verhalten auf das Signal des Hundeführers hin immer, überall und ohne zögern abzurufen. Ein Beispiel: Legt sich dein Hund auf das Kommando "Platz" sofort in Sphinx-Position, egal, ob er auf dem Trainingsplatz, beim Waldspaziergang oder in der Innenstadt dazu aufgefordert wird, egal, ob du flüsterst, rufst oder in normaler Tonlage sprichst und egal, ob du ihn ansiehst oder mit dem Rücken zu ihm stehst, hat er das Ablegen generalisiert. Was die Generalisierungsfähigkeit unserer Hunde betrifft, muss man wissen: Hunde generalisieren notorisch schlecht. Manche Rassen und Individuen sind besser darin als andere, aber alle sind dem Menschen weit unterlegen.

Roxys Schwierigkeiten, in der Prüfungssituation dieselbe Leistung zu zeigen wie im Training, könnten auf ein Generalisierungsdefizit zurückgehen. Trainiert Martina immer am selben Ort, zur selben Tageszeit und jeweils alleine bzw. mit derselben kleinen Gruppe an Trainingspartnern, ist dies sogar sehr wahrscheinlich. Ist Martina nicht sicher, ob Roxys Leistung unter einem Generalisierungsdefizit leidet, kann sie dies leicht austesten:

Martina sollte die vermeintlich wohlbekannten Verhaltensweisen ganz bewusst an neuen Orten abfragen.

Kann Roxy beim Spaziergang auf einer Wiese ein Voran ausführen, das dem Voran auf dem Trainingsplatz gleicht? Kann sie auf dem Parkplatz vorm Supermarkt präzise und freudig Fuß gehen und schnell und ohne zögern die Gangart wechseln? Gelingt es ihr, beim Einkauf im Baumarkt die Positionen auszuführen - so schnell und sicher wie im Training? Sollte Roxys Leistung in den beschriebenen Situationen denen am Turnier gleichen, ist ein Generalisierungsdefizit zumindest Teil des Problems.

Lösung 1: Das Zielverhalten an unterschiedlichen Orten neu aufbauen

Die Lösung ...

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TEXT: CHRISSI SCHRANZ │FOTOS: JAN REDDER (pics4dogs.eu)