Lycan siegt mit Balli

Lycan siegt mit Balli

Lycan siegt mit Balli

Hohe Grundschnelligkeit und schnelle, exakte Ausführungen. Border Collie beeindruckt mit Tempo- und Stellungswechseln die Obedience-Szene in Oostende.

Vom 15. bis 18. Juni 2017 fand die diesjährige Obedience-Weltmeisterschaft in Ostende an der belgischen Nordseeküste statt. 111 Hundesportler aus 20 Ländern nahmen daran teil. Die überwiegende Mehrheit führte, wie in den höchsten Obedience-Klassen üblich, Border Collies - daneben fanden sich aber auch Golden, Labrador und sogar ein Nova Scotia Duck Tolling Retriever, Belgische Schäferhunde, ein Airdale Terrier, ein Beauceron und ein Staffordshire Bull Terrier unter den teilnehmenden Rassen.

Die Regeln für FCI-WMs entsprechen denen der Klasse Obedience 3. Freitag und Samstag kämpfen die einzelnen Länder um den Teamsieg, und am Sonntag wird einzeln gewertet. Die Teamwertung ist zugleich ein Qualifikationsbewerb für die individuelle Wertung am Sonntag: Die zwanzig besten Hundeführer in den Teambewerben steigen am Sonntag in die Individualwertung auf. Diese gewinnt der Hundeführer mit der höchsten Punktezahl im Finale. FCI-Weltmeisterschaften stehen nur Hunden offen, die über FCI-Papiere verfügen und über einen unter dem Dachverband der FCI operierenden nationalen Verein entsendet werden.

Am Sonntag stand die Italienerin Valentina Balli mit dem erst zweijährigen Border Collie Mind the Dog Lycan und 283,25 Punkten ganz oben am Treppchen. Auch im Teambewerb schnitt Italien mit dem 2. Platz hinter Finnland gut ab. Valentina gehört seit 2008 jährlich zum italienischen Obedience-Team. Sie ist Trainerin für Obedience, Agility und Hüten, Obedience-Richterin und Border-Collie-Züchterin. Wir haben mit Valentina über den Hundesport, ihre Trainingsphilosophie und das Zusammenleben mit ihren Hunden im Alltag geplaudert.

WDM: Wie bist du ursprünglich auf den Hund - und vor allem auf den Hundesport - gekommen?

Valentina Balli: Vor vielen Jahren bat mich ein Züchter, seine Deutschen Schäferhunde und Border Collies auszubilden. Ich lief Obedience-Prüfungen mit seinen Schäfern und startete mit seinen Border Collies im Agility. Ich arbeitete täglich mit zehn seiner Hunde und sammelte so innerhalb kurzer Zeit jede Menge Erfahrung. Jeder der Hunde war anders. Ich erkannte sehr schnell, dass Obedience meine Leidenschaft war. Agility war einfach nur ein Sport für mich.

WDM: Wie hast du dich in den Border Collie verliebt und bist schließlich selbst zur Zucht gekommen?

Valentina Balli: Oh, am Anfang mochte ich Border Collies überhaupt nicht! Und schwarze Hunde waren mir generell unsympathisch! Aber dann lernte ich Detania Barefoot in the Park kennen. Sie war großartig! Im Alter von zwei Monaten kaufte ich sie dem Züchter, dessen Hunde ich trainierte, ab und  begann, sie für Obedience auszubilden. Sie war ein Traumhund - ich hätte ohne zu zögern mein ganzes Geld für sie ausgegeben. Als Barefoot mir gehörte, hörte ich auf, für den Züchter zu arbeiten, und machte mich selbstständig. Mit nur zwei Jahren qualifizierte sich Barefoot zum ersten Mal für die FCI Obedience-Weltmeisterschaften und erreichte ein “Vorzüglich”. Von 2008 bis 2012 starteten Barefoot und ich noch fünf weitere Male in der WM.

Wenn du zum ersten Mal einem guten Border Collie begegnest, verliebst du dich einfach. Die Rasse hat etwas an sich … Sie leben, um zu arbeiten. Sie wollen alles verstehen und dir immer gefallen, und sie sind unglaublich intelligent.

WDM: Lycan stammt aus deiner eigenen Zucht, richtig?

Valentina Balli: Ja, Lycan kommt aus meiner Zucht, aus Hütelinien. Kein einziger seiner Vorfahren machte Obedience. Er selbst hatte vier Würfe, alle mit meinen eigenen Hündinnen. Ich will ihn nicht zu oft einsetzen. Ich will erst verstehen, welche Eigenschaften er weitervererbt.

WDM: Was ist deine persönliche Trainingsphilosophie?

Valentina Balli: Meine Trainingsphilosophie unterscheidet sich stark von den derzeit populären Philosophien. Das lässt sich schwer in wenigen Worten erklären ... Ich will keinen Hund, der spielt, sondern einen Hund, der arbeitet! Natürlich spiele ich auch mit meinen Hunden und setze Spielzeug ein. Aber ich will keinen Hund, der nur tut, was ich von ihm verlange, weil er glaubt, dass er etwas dafür bekommt. Ich liebe schnelle Hunde, klar. Aber ich sehe immer wieder schnelle Hunde, denen Punkte abgezogen werden, weil sie Fehler machen oder nervös sind. Ja - ich will Tempo. Aber das Allerwichtigste für mich ist die Ernsthaftigkeit. Ich will, dass der Hund weiß, dass es sich um seine Arbeit handelt und dass er etwas Ernstes und Wichtiges zu tun hat. Ich glaube, dass ich gerade dadurch präzise, schnelle Hunde bekomme: Wenn ich meinem Hund ein Signal gebe, weiß er, dass es sich um einen Notfall handelt und er sofort reagieren muss! Ich glaube, diese Art von Gefallen-Wollen und Unterordnung bekommt man am besten, wenn man auch im Alltag Wert darauf legt.

WDM: Was magst du am Obedience am meisten?

Valentina Balli: Ich mag, dass es im Obedience immer ums Lösen von Problemen geht, und ich liebe Herausforderungen! Man muss immer nachdenken und den Hund, mit dem man gerade arbeitet, gut lesen können, um die richtige Lösung für ihn zu finden. Das ist nach fünfzehn Jahren noch genauso spannend für mich wie am Anfang. Und ich mag, dass ich von jedem Hund etwas Neues lerne.

WDM: Lycan hat mir deinen ganzen Lauf hindurch ausgesprochen gut gefallen. Am schönsten fand ich seine Fußarbeit - vor allem das Rückwärtslaufen! (In Obedience Klasse 3 gehört auch Rückwärtslaufen zur Fußarbeit.) Es wundert mich nicht, dass du in dieser Übung von allen Finalisten die meisten Punkte bekommen hast (38 von 40). Wie trainierst du ein begeistertes und zugleich präzises Fuß? Kannst du uns etwas über deine “Focus Attention Heeling”-Methode (zu Deutsch: Trainingstechnik für ein fokussiertes, aufmerksames Fuß) erzählen?

Valentina Balli: Du magst meine Fußarbeit … aber ich bin damit nicht zufrieden! Zu viel Energie wird im Obedience nicht gern gesehen. Bei einer Prüfung in Italien hab ich schon einmal nur 7 Punkte bekommen, weil mein Hund zu viel Energie zeigte! Manche Richter wollen, dass der Hund flüssiger läuft. Und ich habe viel trainiert, um das zu erreichen!

Eine schöne Fußarbeit drückt für mich Kraft aus und zeigt, dass der Hund aktiv arbeitet. Aber ich will keinen nervösen Hund, kein Winseln, Bellen oder Tänzeln! Ich arbeite sehr viel an der Grundstellung. Mein Hund muss ganz genau wissen, wo die korrekte Position ist, nicht nur wenn er sitzt, sondern vor allem auch in der Bewegung. Ich fordere den Hund jedes Mal auf, zurück in die korrekte Position zu kommen - selbst wenn er nur zwei Zentimeter zu weit hinten oder vorne ist. Ich verwende im Training auch nie eine Leine, nicht einmal ganz am Anfang. Und ich belohne am liebsten mit Futter.

Was die Konzentration (“Focus”) betrifft, so lernt der Hund am Anfang, sich auf mich zu konzentrieren, weil er auf seine Belohnung wartet. Aber schon nach kurzer Zeit konzentriert er sich aus dem oben erwähnten Grund: Er weiß, dass er arbeitet und etwas sehr Wichtiges zu tun hat. Ich kann mehrere Kilometer weit gehen, ohne auch nur eine Sekunde lang den Fokus meines Hundes zu verlieren!

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TEXT: Chrissi Schranz | FOTO: Matteo Cason