Der Schutzhundesport –  Ein Auslaufmodell?
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Der Schutzhundesport – Ein Auslaufmodell?

Wo stehen wir heute und wohin entwickelt sich der Gebrauchshundesport in den kommenden Jahren?

Ich habe mit Hundesport Anfang der Neunziger begonnen. Damals war ich Teil einer Gruppe von fast zehn Jugendlichen in einer SV-Ortsgruppe. Seitdem sind über 20 Jahre vergangen. Eine Zeit, in der sehr viel passiert ist und wir einen gesellschaftlichen Wandel in vielen Bereichen erfahren haben. Der Hundesport blieb davon nicht verschont und so kann man sagen, dass es gerade in diesem Segment eine Vielzahl an Entwicklungen gab, die sehr tiefgreifend für den Sport und die Verbände waren.

Das Angebot für Sport mit dem Hund hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich erweitert. Wir alle wissen, dass es heute neue Sportarten gibt, mit denen vor 20 Jahren noch niemand etwas anfangen konnte. Dazu zählen Obedience, Rettungshund, Dogfrisbee, Flyball und natürlich auch Agility.

Heute ist klar, dass in vielen Verbänden diese neuen Sportarten sehr wichtig sind, um Überleben und Wachstum dieser zu sichern. Der DVG ist dafür ein wunderbares Beispiel. Dort spielt Agility bei einem großen Teil der Mitglieder die vorrangige Rolle.

In Summe gibt es auf DVG-Prüfungen pro Jahr ca. 6.000 Starts im IPO Bereich und ca. 120.000 Starts im Bereich Agility. Die Größenunterschiede sind somit sehr schnell verständlich dargelegt.

Viele IPO-Sportler nehmen Agility als Wettbewerber war und haben zum Teil auch eine schlechte Meinung darüber. Ich teile diese Einstellung nicht. Gerade Spitzensportler im oberen Bereich müssen genauso hart und intensiv trainieren wie wir es für eine IPO3 auf einer Landesmeisterschaft oder Deutschen Meisterschaft machen müssen. Da gibt es folglich keinen Unterschied. Auch in der Kommerzialisierung ist Agility in vielen Bereichen deutlich auf Augenhöhe mit dem Schutzhundesport. In diesem Segment gibt es heute viele Hallenbetreiber, die kostenpflichtig Trainingsstunden oder Seminare anbieten.

Natürlich wissen wir alle von der problematischen Koexistenz beider Sportarten in einer Ortsgruppe. Es gibt zahlreiche Beispiele, dass so etwas nur selten gut geht.

Agility ist bezüglich der Anzahl der Mitglieder dem Schutzhundesport deutlich überlegen. Das belegen auch sehr schön die Zahlen der unterschiedlichen Turniere bzw. Veranstaltungen. Die SV-Bundessiegerprüfung ist eine der größten IPO- Veranstaltung in Deutschland. Dort nehmen jedes Jahr ca. 120 Teams (Hundeführer + Hund) teil. Zum Vergleich haben wir bei einem B.A.C.K. Agility Turnier mal eben 400 Teams.

Aber das stellt in meinen Augen kein Problem dar, sondern vielmehr eine Chance. Ich sehe im Agility einen einfachen und wirklich schnellen Einstieg in die Welt des Hundesports. Uns allen ist klar, dass es für Schutzhundesport einer Vielzahl von Voraussetzungen bedarf. Das ist bei Agility nicht so. Selbst mit einem mäßig begabten Hund und mit einem mäßig talentierten Trainingsumfeld sind relativ schnell Erfolge in der Ausbildung sichtbar. Der Neuling wird schnell nachhaltig motiviert!

Einen schnelleren Einstieg in den Hundesport ist bei keiner anderen Sportart sichtbar.

Das wird folglich in der Mitgliedergewinnung, damit auch in den Mitgliederzahlen und vor allem auch im Altersdurchschnitt deutlich. Dieser liegt im Agility derzeit zwischen 10 und 30 Jahren, im Schutzhundesport zwischen 30 und 60 Jahren.

Wenn man so will, ist Agility also eine Art „Nachwuchs-Generierungs-Maschine“ für den Hundesport. Ich habe aber schon des Öfteren den Effekt beobachtet, dass Hundesportler, die mit Agility angefangen haben, sich irgendwann auch für den Schutzhundesport interessieren. Einige sind für einen Wechsel bereit und machen dies auch. Die Quote ist im Moment natürlich sehr gering, aber selbst wenn von 100 Agilitysportlern Einer den Wechsel vollzieht, ist es doch ein Gewinn. Schließlich habe ich in den letzten 10 Jahren keinen einzigen Jugendlichen mehr zu uns auf dem Hundeplatz kommen sehen!

Schutzhundesport ist und bleibt die Königsdisziplin im Hundesport. Wir haben damit auch eine große Chance in der Marktkommunikation. Damit können wir unseren Sport auch ganz klar von den anderen Sportarten abheben. Dieser Sport ist nun mal anspruchsvoller! Denn er besteht aus mehreren Disziplinen. Erfolgreicher Schutzhundesport erfordert die Kombination aus einem

  • für den Schutzhundesport qualitativen Hund mit Talent für Fährte, Unterordnung und Schutzdienst
  • guten Schutzdiensthelfer sowie
  • guten Ausbilder oder einem gutem Trainingsumfeld

Viele von uns kennen noch die Zeiten; in denen dreimal pro Woche im Verein trainiert wurde und immer mindestens 20 Hundesportler am Übungsbetrieb teilnahmen. Heute ist das in der Form nicht mehr existent. Zum einen, weil es die Anzahl der Leute nicht mehr gibt, und zum anderen, weil es natürlich heute auch keinen Sinn mehr macht, in so großen Gruppen IPO zu trainieren.

Unsere Ausbildung ist so filigran geworden wie je zuvor. Um effizient zu trainieren, maximale Leistung zu erreichen und sich im überregionalen Wettbewerb messen zu können, wird in kleinen Teams trainiert.

Machen wir uns nichts vor, selbst in einer kleinen Trainingsgruppe mit 5 oder 6 Hunden hat man an manchen Trainingstagen locker seine fünf Stunden zu tun! Und wer von uns hat schon die Lust bis ein oder zwei Uhr in der Nacht auf dem Hundeplatz zu stehen, wenn er am nächsten Tag früh um sieben Uhr wieder arbeiten muss. Diese Tatsache begründet nun mal auch, warum sich der Schutzhundesport dahin entwickelt hat, wo er heute ist.

“Zunehmende Komplexität, erhöhte Anforderungen an die Qualität der Hunde und an das Know-how sowie das generelle Talent der Hundeführer spielten und spielen immer mehr ein große Rolle. Und so ist uns die breite Masse verloren gegangen, die früher den Schutzhundesport vornehmlich als einfaches Hobby betrieben hat.”

Das heißt also, wir haben in den letzten 20 Jahren keine Schrumpfung des Hundesports, sondern viel mehr eine Umverteilung der Interessen im Hundesport selbst erlebt! Der Schutzhundesport als solches, hat sich in Deutschland in der breiten Masse konsolidiert und diese fehlt uns heute in diesem Sportbereich. Aber man findet sie heute in Anderen, wie im Agility!

Aus meiner Sicht ist das kein gravierendes Problem für den Schutzhundesport. Wir haben in den vergangenen Jahren auch etwas gewonnen! Etwas das vor 20 Jahren in der Form so für die breite Masse noch nicht denkbar war und nur wenigen Privilegierten ermöglicht wurde. Es ist die Internationalisierung und die zunehmende Mobilität, welche heute für nahezu alle zugänglich ist! Im internationalen Kontext verzeichnete damit der Schutzhundesport einen deutlichen Mitgliederzuwachs! Diese Sportart ist heute nicht mehr nur auf West- und Zentraleuropa fokussiert, sondern sie ist mittlerweile auf der gesamten Welt ein Thema. Sicherlich nicht mit der Ausprägung wie wir sie hier in Deutschland erleben, aber doch mit einer ernstzunehmenden Präsenz. Man muss also sagen, dass wir heute in Summe weltweit eine ähnliche Anzahl an Schutzhundesportlern haben! Die zunehmende Verbreitung dieses Sportes in neuen Ländern hat somit die Abnahme in Deutschland quasi kompensiert.

Die Internationalisierung, die Vernetzung und die zunehmende Mobilität sind dabei die Verbündeten des Gebrauchshundesportes. Eine Plattform wie working-dog generiert heute 50% ihres Wachstums außerhalb deutschsprachiger Länder. Das zeigt wie international der Gebrauchshundesport geworden ist.

Ein weiteres positives Beispiel, welches meine Argumentation untermauert, ist die IPO-Weltmeisterschaft der FCI. In diesem Jahr gab es so viele gemeldete Teams wie noch nie zuvor! In meinen Augen ist das ebenso ein positives Zeichen. Wir müssen verstehen, dass der Fokus nicht mehr auf regionale Entwicklung des Sports begrenzt werden darf. Das wäre falsch und nicht zielführend! Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass der Gebrauchshundesport gleiche Größe und gleiches Wachstum wie der Agilitysport generiert. Aber dafür ist diese Sportart einfach zu speziell, was die Anforderungen an den Hund und an das Trainingsumfeld betrifft.

Wir müssen also verstehen, dass unsere klassischen Strukturen, wie wir sie in den letzten 20 Jahren erlebt haben, ausgedient haben! Es ist unwahrscheinlich, dass wir in den kommenden Jahren wieder Ortsgruppen haben werden, in denen 40 Schutzhundesportler miteinander trainieren. Diese Zeiten sind vorbei und werden nicht wiederkommen. Wir müssen nach Möglichkeiten suchen, dass Interessenten und potentielle neue Mitglieder den Weg in unsere, nicht so einfach zugängliche Gemeinschaft finden können! Dafür sind neue Sichtweisen notwendig. Das wird nicht mehr über die klassische Ortsgruppe funktionieren. Ich denke, dass die Mitgliedergewinnung heute über Ideale erfolgt. Wenn ein Verband oder ein Trainingsteam bestimmte Ziele verfolgt, mit denen sich potentiell neue Mitglieder identifizieren, dann werden sie den Weg in diese Gemeinschaft auch finden. Dafür haben wir heute ja soziale Medien, über die letztendlich jeder erreichbar ist. Ob diese Gemeinschaft Ihnen dann auch den Zugang ermöglicht, ist jedoch eine andere Frage. Gerade hier tragen unsere Leistungsträger die Verantwortung, sich nicht in kleinen elitären Gruppen abzuschirmen. Der Zugang für den Nachwuchs in diese Kompetenzgemeinschaft muss gewährleistet werden!

Die Zukunft des Schutzhundesport ist in meinen Augen nicht so schlecht, wie viele denken. Wir müssen nur weiter an der medialen Präsenz und an einem positiven Bild des Sportes arbeiten. Lasst uns klarstellen, dass die „Königsdisziplin“ des Hundesports eine interessante, vielseitige und niveauvolle Beschäftigung darstellt!

Text: Mathias Dögel
Fotos: pics4dogs.eu/Jan Redder