Agility mit dem Deutschen Schäferhund

Agility mit dem Deutschen Schäferhund

... „das ist gar kein Problem!“ sagt die Bundessiegerin des Vereins für Deutsche Schäferhunde von 2015. Birgit Pretzl aus Teublitz, Bayern betreibt den Sport seit 2003. Angefangen hat sie mit Beagle Snoopy, mit dem sie dreimal Teilnehmerin der Deutschen Meisterschaft im VDH war. „Die Ausbildung dieser Rasse ist sehr anspruchsvoll, weil der Beagle nicht sonderlich an Zusammenarbeit interessiert ist. Da ist der Deutsche Schäferhund ganz anders.“

Schaut man in der Agility-Szene die Startlisten an, fällt auch Laien auf, dass der Border Collie augenscheinlich DER Agilityhund Nr. 1 ist. Auf der VDH-Deutschen Meisterschaft 2014 waren im letzten Jahr 57 Borders und „nur“ vier Deutsche Schäferhunde.

Birgit Pretzl kann sich trotzdem nur für einen Deutschen Schäferhund begeistern. „Hundesport ist das Eine, aber meine Hunde gehören zur Familie und so sind mir andere Charaktereigenschaften eben auch sehr wichtig. Wir die IPO-Sportler haben sehr oft DEN Tunnelblick, sehen den IPO-Sport als das einzig Wahre an und natürlich können nur wir Schäferhundequalität wirklich beurteilen.

Aber ist dem so? Oder können das andere auch?

Manchmal kann es nicht schaden, wenn man sich für „fremdartige“ Dinge öffnet, um andere Sichtweisen zu verstehen. Und manchmal stellt man fest, dass diese durchaus auch ihre Berechtigung haben.

Ich habe die Agility-Truppe in Teublitz einige Male besucht. Fünf Teams aus dieser Trainingsgemeinschaft waren 2014 Teilnehmer der SV-Bundessiegerprüfung.

Sie haben mir ihre Ansichten und Ausbildungswege erklärt und mich aktiv mit meinem Hund an ihrem Training teilhaben lassen. Ich habe Hundesport auf hohem Niveau gesehen und musste feststellen:
Agility ist mehr als Stangenhüpfen!

Was ist Agility? Was für einen Hund braucht man, um erfolgreich zu sein und was ist an der Ausbildung so schwer?

Birgit Pretzl sagt ganz klar: „Man braucht einen beute- und meutetriebstarken Hund mit hoher Arbeitsbereitschaft, der vorzugsweise führig und teamfähig ist.“

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Schäferhunde, die das nicht mitbringen, auch keine Champions im IPO-Sport werden. Hunde mit zu viel Trieb und schlechter Führigkeit sind genauso wenig konkurrenzfähig, wie Hunde mit zu wenig Trieb, keiner Motivation und/oder dünnen Nerven.
„Vom IPO-Sport ausgemusterte „Schäferhund-„Nulpen“, die das „Mädchen“ kriegt, kommen im Agilitysport auch nicht nach vorn!“

Der Deutsche Schäferhund ist ein vielseitiger Gebrauchshund, so kann man es überall lesen, aber
wer legt denn fest, was einen Gebrauchshund ausmacht?
Die IPO-Sportler?
Unschätzbar wichtig ist es, wenn ein Hund sich primär motivieren kann, dh. sich selbst ohne fremde Einflüsse lange mit etwas beschäftigen kann, einfach weil es ihm Spaß macht. Diese Eigenschaft kann man etwas fördern, sie ist aber letztlich eine genetische Veranlagung und sollte unbedingt in der Zucht beachtet werden.

Der ideale Agility-Schäferhund sollte nicht zu groß und schwer sein. Die körperlichen Belastungen
in diesem Sport sind recht hoch. Beweglichkeit und Schnelligkeit sind das A und O, wenn man gute Laufzeiten erreichen will. In den letzten Jahren hat sich das Verhältnis der aus Hoch- und Leistungszucht stammenden Vertreter deutlich verändert. Auf der BSP 2009 in Donaueschingen gab es noch zahlreiche Vertreter der Hochzuchtlinien, mit denen also ganz klar auch Agility betrieben werden kann.

Will man aber um Pokale mitkämpfen, dann erfüllen die Hochzuchthunde nur ganz selten die genannten Anforderungen.

Und so waren in Meppen 2014 waren von 72 Startern nur noch sechs Hunde aus diesen Linien am Start. Die Tendenz geht eindeutig zur Leistungszucht. Schaut man auf die Abstammung, wird deutlich, dass die Zucht auch nicht im Besonderen auf diesem Sport ausgelegt sein muss, denn viele Agilitystarter haben gleiche Eltern und/oder sogar Wurfgeschwister, die erfolgreich im IPO-Wettbewerben sind und waren.

Die Gene sind also dieselben!

Ist der Deutsche Schäferhund konkurrenzfähig?
„Ja natürlich“, sagt Birgit Pretzl. „Die Agilitysportler müssen nur Vertrauen in die Rasse bekommen und eine gehobene Ausbildung anstreben.“

Bei jedem Agilityturnier gibt es einen anderen Parcours, der nach vorgeschriebenem Regelwerk, mit den vorhandenen Standardgeräten in unendlich viele Variationen gestaltet werden kann. „Es gibt Parcours“, sagt Stefan Pretzl, Birgits Mann, „die liegen einem mehr, andere weniger“. Das ist wie mit den Helfern im Schutzdienst großer Veranstaltungen. Dem einen Hund kommt dessen Arbeitsweise mehr entgegen, dem anderen weniger. Nehmen müssen alle, was kommt.

Im Agility gibt es viele Hunde, die laufen nur Vollgas, erfahre ich von den SV-Sportlern in Teublitz. Das sind beispielsweise auch viele Border Collies. Solche Hunde haben es in technischen Parcours schwerer. Und genau hier liegt auch die Chance des Deutschen Schäferhundes.

„Es gibt Rassevertreter, die können die Border Collies und Malinois von Haus auf schlagen, weil sie eben auch sehr schnell und wendig sind. Eine gute Technik ist die Grundvoraussetzung für den Erfolg der Rasse“ , sagt Birgit Pretzl. „Meine Sally ist nicht die brutal Schnellste, aber sie hat gelernt, durch sehr gute Kommunikation mit mir, nah an der Ideallinie des Parcours zu laufen. Sie hat einen tollen Gehorsam, arbeitet mit mir im Team und ist technisch top. Deswegen sind wir konkurrenzfähig.“

Stefan Pretzl: „Wenn Du einen Hund hast, der sechs Meter pro Sekunde läuft, dann läuft der halt auch mal schnell sechs Meter pro Sekunde in die falsche Richtung.“

Schnell wird mir klar, dass Agility-Sport extrem „schnelllebig“ ist und Sieg und Niederlage ganz ganz eng beieinander liegen. Fehler passieren extrem schnell. Das wissen auch die Hundeführer und nehmen diese ganz anders hin.

Wenn die Kontrolle über den Trieb des Hundes nicht perfekt ist, dann sind Schnelligkeitsvorteile schnell verspielt, weil der Bogen zum nächsten Hindernis eben weiter ist und mehr Zeit kostet, als bei dem Hund, der enger läuft.

Einfache Mathematik:
Agility = Kontrolle + Trieb

Im Agility erreichen die Hunde teilweise extrem hohe Trieblagen. Den meisten Hunden macht der Sport Spaß und die enge Teamarbeit in Kombination mit „Action“ gefällt auch vielen jugendlichen Hundeführern, wie hier auf der Deutschen Jugend- und Juniorenmeisterschaft des SV in Cottbus

 

 

Ich habe mal die Laufzeiten der VDH-Deutschen-Agility Meisterschaften angeschaut. Dabei immer den schnellsten Rassevertreter in den Vergleich einbezogen. 2014 wurden die Deutschen Schäferhunde klar geschlagen.

ABER: 2012 war der beste Deutsche Schäferhund im Jumping ganz nah am Border Collie und fast gleichauf mit dem Malinois.

UND: 2010 hat der Deutsche Schäferhund Reni vom Strothetal (auch SchH1) alle andere Rassen geschlagen und mit Nicole Münker den Deutschen Meistertitel geholt.

Klaus Grauhering, selbst begeisterter Agility-Sportler und Züchter von Border Collies erklärt mir:
„Bedingt durch seine Körpermaße ist er einfach benachteiligt. Aufgrund seiner Rumpflänge verliert er, auch wenn er sehr schnell ist, 1-2 Sekunden auf den Border Collie allein im Slalom. Und wenn man bedenkt, dass der Tunnel mit einem Durchmesser von 60 Zentimeter genau das Mindestmaß für Schäferhundrüden darstellt, dann ist schnell klar, dass auch dieses Gerät nicht optimal für die Rasse ausgelegt ist. Steg und Wippe sind 30 Zentimeter breit, wirken also für einen kleineren Hund nicht so schmal, wie für einen größeren. Unter Berücksichtigung dieser ungleichen Voraussetzungen, ist es schon erstaunlich, was Deutsche Schäferhunde leisten können.“

Text und Fotos:
Constanze Rähse (pics4dogs.eu)